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(1) Wassilij Wassiljewitsch Wereschtschagin (1842-1904) "Die Apotheose des Krieges" von 1871, in der Staatlichen Tretjakow-Galerie, Moskau
Die Apotheose des Krieges Das Bild, vielleicht in Anspielung auf den sehr verlustreichen Krimkrieg, den ersten Stellungskrieg der Moderne, zeigt einen hohen Haufen menschlicher Schädel in einer verdorrten Ebene. Im Hintergrund kann man die Minarette einer Wüstenstadt ahnen. Der Knochenhaufen ist sehr hoch und läuft in eine Spitze aus. Krähen oder Raben fliegen herbei und lassen sich auf den Knochen nieder. Einige Schädel im Vordergrund zeigen Schwerthiebe und andere Verletzungen der Kalotte. Und doch wirkt alles recht "sauber", irgendwie "künstlich".
  Bildaufteilung etc.
Goldener Schnitt Die eigentlichen malerischen Aspekte, wie die Bildaufteilung, die sehnsuchtsvoll-neugierig den Blick zu der geheimnisvollen Stadt nach hinten rechts lenkt, oder der leicht zu erkennende mehrfach angewandte "Goldene Schnitt" (gelbe Linien), sollen uns im Moment nicht von der (anatomischen) Analyse ablenken.
Zunächst sollen uns Fragen führen:
  Was machen eigentlich die Raben?
hungernde Raben Auf Wereschtschagin´s Bild werden die Raben, die ja auch Aas-Fresser sind, gewiss Nichts zu Fressen finden, denn die Skelette sind schon vollkommen von allem Verweslichen gereinigt, sie sind "mazeriert", wie es in der Fachsprache heisst. Kein Fetzchen Haut, kein Bisschen in der Trockenheit mumifiziertes Bindegewebe ist zu erkennen. Und das Geheimnisvollste von Allem: der Haufen bleibt spitz, zerrieselt, zerrinnt nicht, wie es eigentlich bei so vielen flatternden, landenden und wieder startenden Vögeln zu erwarten wäre, oder?
  Wie kann man einen so spitzen Haufen überhaupt herstellen?
Rüben-Ernte Ahnlich wie Kürbisse sind unsere Schädel etwas elastisch. Wenn man auf den Hinterkopf fällt, federt der Schädel von hartem Grund ab und schlägt dann ein zweites Mal auf, wie ein Ball. Dadurch entsteht, wenn man aus Bällen oder aus Zuckerrüben einen Haufen aufwirft, eine Gauss´sche Glocke: ein abgerundeter Berg. Will man einen so spitzen Haufen mit grossen Objekten herstellen, braucht es wohl technisches Gerät (1871?) oder ein Gerüst, um den Berg nicht wieder breit zu trampeln. Nur wirklich kleine Objekte sind leichter so aufzuhäufeln. Haben Sie das nicht auch schon mal gemacht, ganz verträumt einen kleinen spitzen Haufen aus Sand oder Nuss-Schalen "aufgegossen"?
  Wieso sind eigentlich die empfindlichen Knochenstücke der Schädel nicht abgebrochen?
Schädelbasis mit Details Das ist erstaunlich: Alle Gesichts-Schädel, alle Nasenbeine, Oberkieferbeine, Jochbögen, alle diese zarten, papierdünnen Schädelpartien sind intakt. Selbst die Schädelbasis zeigt die zum Teil ja 2 bis 3 Zentimeter langen Fortsätze (Proc. styloideus, proc. pterygopalatinus), die bei den meisten Schädeln einer Schädelsammlung ruck-zuck abbrechen. Diese Schädel auf dem Gemälde sind nicht nur vollständig mazerierte, entweste Schädel einer Anatomischen Sammlung, sie sind auch noch in exquisitem Zustand ! - Ein spitzer Haufen von Super-Sammlungs-Schädeln, eigenartig ...
  Wieso sind eigentlich viele Unterkiefer "richtig" in die Kiefergelenke eingesetzt?
der Vordergrund, wie er ist Die Schädel, die Wereschtschagin hier zu einem hohen Haufen gestapelt hat, sind also sämtlich Schädel einer (virtuellen) anatomischen Sammlung. Im Vordergrund sind hier sogar die Unterkiefer ganz ordentlich eingesetzt, sodass ein quasi lebendiger Eindruck entsteht. Wie zum Schrei geöffnete Münder, in trauriger Verzweiflung der gesenkte Blick ... Wirkliche Ober-Schädel sind oft ja nur ganz labil auf echten Unterkiefern aufzustellen. Erinnern Sie sich, wie leicht selbst bei einem montierten Plastikskelett der Unterkiefer sich verkantet und plötzlich über dem Oberkiefer einrastet?
  Wie wäre denn ein "naturalistisches" Bild eines Schädelberges geworden?
der Vordergrund, wie er eigentlich sein müsste Es wäre ein wirklich schreckliches Bild geworden: Natürlich hätten Raben, Krähen, Elstern, Wölfe, Füchse , Hunde und vielleicht auch andere Raubtiere den Haufen schnell auseinander gezerrt. Auch Ameisen, Bakterien und Insektenlarven hätten ganz wesentlich zur Einebnung und zur natürlichen Mazeration beigetragen. Die Unterkiefer wären gewiss von den Schädeln abgefallen, man hätte (im Vordergrund) sich überhaupt nicht zurecht gefunden. Und schliesslich wären die Schädel im Erdreich eingesunken, durch die Anhäufung mineralischer Reste und durch Flugsand.
  Gibt es denn überhaupt solche Schädelhaufen?
aus den Katamben von Paris In vielen Klöstern und Kirchen Südeutschlands existieren "Ossarien", Knochen-Sammlungen, wo man genau soetwas bestaunen kann: geschichtete Schädel der hier verstorbenen Mönche. Ossarien gibt es zum Beispiel auch in Verdun, am Mahnmal für den Ersten Weltkrieg, und im Untergrund von Paris, wie nebenstehendes Bild der zeigt. Und überall sind die Gesichtsknochen abgestossen, eingedrückt und Ober-Schädel und Unterkiefer nicht zusammen, sondern es purzelt alles mehr oder weniger durcheinander. Das ist gruselig, auch für Anatomen ...
  Warum malte Wereschtschagin den Schädelberg wie einen Sandhaufen?
Wache Die Raben haben nichts zu fressen, denn es sind Sammlungs-Schädel. Und dennoch sind die Raben da - vielleicht nur, um sich anzusehen, was der Krieg da aufgehäuft hat, oder bewachen sie den Schädel-Berg? Der Haufen ist spitz wie ein Sandhäufchen, das ein Kind am Strand hat aufrieseln lassen. Wereschtschagin hätte gewiss ein naturalistisches Bild malen können, zumal er als Militärangehöriger im Russisch-Osmanischen Krieg seiner Zeit teilnehmen musste. Aber vielleicht hat er genau das im Sinn gehabt: der verspielte Krieg, der Schädel wie leere Nuss-Schalen aufhäufelt ...
  Warum heisst das Bild "Apotheose" ?
klagender Schädel Naturalistisch wollte Wereschtschagin offenbar nicht malen. Er wollte ein Sinnbild schaffen. Soetwas ertrug der damalige Betrachter wohl noch am ehesten - vom wirklichen Krieg wollte man 1871 nichts wissen. Das Bild heisst "Apotheose" (Vergöttlichung): Wir sehen nur die Spur des grässlichen Kriegs-Gottes, der gedankenlos oder verspielt Menschenleben aussaugt und die Hülsen wegwirft, so wie wir Nüsse essen und manchmal die Nuss-Schalen zu kleinen Häufchen zusammenkehren.
Ohne anatomisches Wissen hätten wir das vielleicht nicht so leicht entdeckten können, oder?
   
Links
und Danksagung
Wereschtschagin Das Bild "Die Apotheose des Krieges" von Wereschtschagin wurde dem Beitrag von W. S. Turtschin über die Staatliche Tretjakow-Galerie in dem Band "Museen in Moskau", Ebeling Wiesbaden 1980, entnommen und überarbeitet. Eine grosse, etwas gelbstichige Abbildung findet sich bei http://de.wikipedia.org/wiki/Wassili_Wereschtschagin
(c) Gregor Jonas Die Hyänen im Gras, die oben in der Bildbearbeitung zu sehen sind, wurden von Gregor Jonas fotografiert. Danke, dass wir das Bild verwenden durften! Zahlreiche weitere und sehr schöne Tierfotos zeigt seine Homepage http://www.gregor-jonas.de/
nicht hier klicken, sondern oben neben dem grossen Bild Die Zaghaften unter Ihnen fragen sich vielleicht, wo denn die Hyänen auf dieser Seite sind? Klicken Sie doch ´mal oben auf den grünen Button ...
(c) Gutsgemeinschaft Lenthe GbR Das Bild der Rübenernte stammt von der Web-Site der Gutsgemeinschaft Lenthe GbR, die uns dieses Bild zu Verfügung stellte. Auch hier bedanken wir uns herzlich! Die Seite der Gutsgemeinschaft zeigt viel Interessantes zur Landwirtschaft mit wirklich schönen Bildern und guten Erläuterungen, sehr lehrreich und kurzweilig, also: besuchenswert!
(c) Kevin Patton Das Bild der Pariser Ossarien wurde uns von Kevin Patton (Site http://www.lionden.com/ ) freundlicherweise zur Verfügung gestellt. Ein (gruseliger) Rundgang durch die Pariser Denfert-Rochereau Katakomben ...
   
  Anatomische Kunstbetrachtungen
Logo "Anatomische Kunstbetrachtungen" Mit anatomischem Wissen im Gepäck können Wanderungen durch Kunst-Museen oder Blätter-Reisen durch Bildbände zu spannenden Entdeckungen führen. Wenden Sie Ihr Wissen doch auch ´mal in so einem nicht-klinischem Zusammenhang an ...
   
 
Das "Logo" unserer Seiten "Anatomische Kunstbetrachtungen" ist ein Ausschnitt aus dem "Selbstbildnis mit Skelett" von Lovis Corinth von 1896: Der füllige Maler zeigt sich neben einem mageren Knöchelchen-Objekt, alles vor dem Hintergrund der rauchenden Schlote der Moderne. Das abgebildete Skelett stammt, wie die typische anatomische Aufhängung belegt, aus der seriellen Massen-Produktion der anatomischen Institute, die auf die immense Nachfrage der Universitäten und Kunst-Akademien nach Lehrskeletten im späten 19. Jahrhunderts mit fast industriellen Produktionsmethoden reagierten. Dieses Skelett ist kein Menschen-Abbild, keine Mahnung der Vergänglichkeit mehr, sondern nur noch ein natürlicher Rohstoff, der montiert und studiert werden kann ... Das Gemälde hängt heute in der Städtischen Galerie im Lehnbachhaus, München. Lovis Corinth 1896
   

In loser Folge erscheinen hier bald noch mehr "Anatomische Kunstbetrachtungen".

 
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