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Untiefen der Fachsprache
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Untiefen der Fachsprache
Als Schuljunge habe ich beim Rudern immer gehört, wir sollten Acht geben vor den Untiefen. Und da hatte ich ja auch wirklich Angst vor, beim Schwimmen, vor den unendlich tiefen Tiefen. Natürlich kam es irgendwann heraus, vielleicht als wir auf eine Sandbank fuhren: Untiefe = nicht tief. - Und so ist auch unsere Fachsprache voller Untiefen.
aus "Podologie Schweiz" 4/2015 download als pdf-File
"Deee-menz"
Manchmal höre ich "Deee-menz", und das ist mir immer etwas peinlich zu korrigieren, denn der Sprecher hat sich in der Regel etwas dabei gedacht: Es klingt doch ganz logisch, wenn man sagt "de-" im Sinne von "weg, nicht, kein, ohne" und dann "mens" angefügt. Sie kennen das doch "mens sana in corpore sano" also quasi "gesunder Geist in gesundem Körper". "Mens" also bedeutet irgendwie "Geist" oder so. Also dieses "Deee-mens" soll ja "ohne Geist" bedeuten, "ohne Sinn und Verstand" denn mens, mentis m. bedeutet eben "Geist, Verstand, Vernunft, Rationalität". Was ist denn nun falsch an "Deee-mens"? Die Betonung ist falsch. Eigentlich stammt dieses Wort "Demenz" von dem lateinischen "Dementia" ab. Und wie so viele Worte im Lateinischen wird auch dieses Wort auf der dritt-letzten Silbe betont, also "men": De-mEn-zia. In unserer deutsch-angepassten Fachsprache werden die letzten beiden Silben, also das i und das a, weggelassen. Zurück bleibt nur Demenz, aber die alte Betonung bleibt erhalten: die erste Silbe ist kurz und unbetont, die zweite betont und etwas länger: de-mEnz.
"Prometheus"
Dass die dritt-letzte Silbe bei vielen lateinischen Worten die betonte Silbe ist, zeigt auch das Wort "Prometheus". Wir sprechen dass ja quasi so: Pro-mEeeee-theus. Die zweite Silbe ist die längste und sie ist betont. Nun denken Sie vielleicht: ja wo ist das Problem, die zweite Silber ist doch auch die vorletzte und die im Deutschen zu betonen ist völlig okay. Ja richtig - und doch auch wieder nicht; manchmal sind die Dinge wirklich vertrackt. Eigentlich wird Prometheus im lateinischen Promethe-us ausgesprochen. Und dann ist die zweite Silbe von vorne zugleich auch die dritt-letzte, die im lateinischen eben oft betont wird. Und nun sprechen Sie E und U als Umlaut und schwupps wird daraus eine einzige, die letzte Silbe.
  Die Regel dazu geht so: Betont wird die vorletzte Silbe. Aber wenn die vorletzte Silbe kurz ist, dann wird die dritt-letzte Silbe betont. Kurz ist eine Silbe, wenn z.B. eine Silbe aus einem Vokal besteht, und sofort ein zweiter Vokal folgt: Dann ist der erste Vokal kurz und damit auch die ganze kleine Silbe kurz.
"Calcaneus"
Das trifft z.B. auch für "Calcaneus" zu: Die Endung -eus wird getrennt gesprochen, gibt also zwei Silben. Das e darin ist kurz, denn es folgt das u der letzten Silbe. Also wird nicht die vorletzte Silbe betont (wie sonst), sondern die dritt-letzte: Am Universitätsspital werden sie immer hören: Cal-cAaaaaa-ne-us, in peripheren Häusern wird oft vom Cal-ca-nEeeee-us die Rede sein..
Empfehlenswerte Lehrbücher
Die Aussprache gehört sicher zu den ganz schwierigen Dingen unserer Fachsprache. Ich habe mich mal umgeschaut, was es für Lehrbücher gibt, die vielleicht in der grundständigen Ausbildung oder in der HF Podologie oder denjenigen empfohlen werden können, die Freude an unserer überwiegend lateinischen Fachsprache haben - denn Freude kann man haben, allein weil´s so schön klingt, oder?
1.
Für den Unterricht mit einem sattelfesten Dozenten oder Dozentin scheint mir das Skript aus der Medizinerausbildung "Medizinische Terminologie - ein Kompaktkurs" gut geeignet zu sein: Es ist wirklich kompakt und klar, und es lassen sich gut Lerntabellen und knifflige Übungen für den Unterricht daraus erstellen. Die vier Autoren sind mittlerweile alle Professoren oder Privatdozenten, aber ihr Skript aus vielen Jahren Unterricht ist noch genauso frisch wie von 20 Jahren
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Fangerau et altera "Mediznische Terminologie" Lehmanns Berlin, 5. Auflage, ISBN 978-3-86541-297-3, ca. 10 €.
2.
Vieles andere aber kann man sich heute ja auch sehr gut im Selbststudium beibringen. Dazu ist mein "Lieblingsbuch", das Lehrbuch vom Ehepaar Lippert mit vielen Übungen, schönen Bildern und sogar mit Kreuzworträtseln bestens geeignet. Man braucht allerdings Zeit, ja Musse fast, um den Schatz dieses schön gemachten Buches zu heben, aus den (un)Tiefen
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Lippert-Burmester, Lippert "Medizinische Fachsprache leicht gemacht" Schattauer Stuttgart, 6. Auflage, ISBN 978-3-7945-2979-7, ca. 27 €
3.
Dazwischen, also zwischen einem Kompaktbuch und einem ausladenden Reader ist das "Schlachtschiff" des Thieme-Verlages. Ein typisches Medizinier-Lehrbuch, mit einem Teil, der schnell zu lesen ist, und vielen Übungen. Das ist gut für Leute mit Biss, die sich auch vom engen Satzspiegel nicht abschrecken lassen. Dafür aber steht wirklich "alles" drin.
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Caspar "Medizinische Terminologie" Thieme Stuttgart 2007, 2. Auflage, ISBN 978-3-13-121652-6, ca. 30 €
Last but not least...
Und heute gibt es selbstverständlich auch online-Quellen, von denen ich - last but not least - meine eigene Webseite hier empfehlen möchte:
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http://www.everything-virtual.org/glossar.html  
home - http://www.everything-virtual.org/untiefen.html - - Letzte Änderung 01.6.2015
© Priv.Doz. Dr. med. FA (Anatomie) Thomas J. Strasmann - www.everything-virtual.org