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Workshop
  Der oben protokollierte Workshop zeigt, wie schwer es ist, selbst unter Zuhilfenahme von Plastik-Skeletten ein brauchbares anatomisches Modell zu erstellen. Als "Extra" zum normalen Unterricht dieser Physiotherapie-Schule fördert der Workshop die Teilnehmer, ihr Schulwissen räumlich zu imaginieren. Zudem werden traditionelle bildhauerische Techniken kennengelernt ("Verlorene Form", "Ein-Schalen-Guß", "Halbrelieftechnik"). Trainiert wird Teamwork, besonders in der Werkstatt-Führung und beim Lösen der zahlreichen technischen Probleme.
"Tag der Katastrophen." Das Ziel ist, ein farbiges Gipsmodell einer interessanten Region mit Knochen, Muskeln, Nerven etc. zu erstellen. Plastik-Skelettmodelle, Gips, Knetgummi und Küchen- oder Haushaltsartikel stehen zur Verfügung. Es wird fröhlich "drauf los gewerkelt", mit zum Teil niederschmetterndem Erfolg. Der Dozent, PD Dr. Strasmann, greift nur bei Gefahren für Personen oder Gegenständen ein, beantwortet aber jede Frage, die an ihn gestellt wird. - Wird genug gefragt?
"Tag der Technik." Wie ist ein gutes Mischungsverhältnis von Gips und Wasser? - Wie schnell härtet Gips? - Wie lange ist angerührter Gips gießbar? - Was trennt Gips von Gips? - Wie muß eine wieder verwendbare Gußform beschaffen sein? - Welche Region ist für ein Modell geeignet? - Was sagt überhaupt "geeignet sein" aus? - Wie klein kann ein Modell sein? - Wie groß sollte ein Modell höchstens sein? - Wie haftet Knetgummi besser am Gips? ...
"Knete Tag (clay day)." Der Abguß der Skelettregion ist (meist mit verlorener Form) erfolgt. Nach der Retusche wird Knetgummi aufgesetzt. Verschiedene Farben (und anatomisches Wissen) helfen der Vorstellung. Der langwierigste Schritt wird das "Loten", es soll ja nur eine bleibende Schale von oben gegossen werden. Am Abend erfolgt der Schalenguß. Einige Modelle werden schon heute aus der Schale gebrochen. Wie das Positiv herausbricht, zeigt es die Qualität der Schale an.
"Tag der Musketiere." Nun wird die Schale kontrolliert und jede mögliche Verklammerung gesucht und beseitigt. Aus jeder Schale, die heil gewonnen wird, lernt die Gruppe. Die Zusammenarbeit wird enger: die Älteren helfen den anatomisch noch Unerfahreneren. Alle "kämpfen" gemeinsam um jede Schale. Überall wird gelotet, gefeilt, und eingefettet. Zum Abend hin werden unter Herz- und Hammerklopfen erste Positive aus den Schalen gelöst. "Bitte bleibe heil, Schale und Positiv"...
"Tag der Ernte (der Maler)." Viele Modelle sind heil aus der Gußschale gekommen, manche Gußschale ist ganz geblieben und wird erneut ausgegossen. Einige Modelle werden nun wie geplant bemalt. - Alle Teilnehmer sind erschöpft. Doch einige werden ihre Modelle daheim nocheinmal überarbeiten, vielleicht auch ihre Gußschalen verbessern und dann das Modell gießen, von dem sie in den vergangenen Tagen träumten. Es ist harte Arbeit, Phantasie Wirklichkeit werden zu lassen.
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  Was ist eigentlich ein gutes anatomisches Modell?
Anatomische Modelle gibt es schon seit Jahrhunderten. Wir kennen sie aus Sammlungen anatomischer Institute, aus vielbeachteten Wanderausstellungen über die Funktionalität unseres Körpers oder vom letzten Besuch beim Orthopäden. Was ist eigentlich das Wesentliche eines anatomischen Modells? Oder anders: Was ist ein gutes anatomisches Modell?
   
La Specola, Florenz Anatomische Modelle sehr hoher Qualität sind zum Beispiel die Wachsmodelle aus dem 18. Jahrhundert, die im Museum "La Specola" in Florenz zu bestaunen sind. Sie zeigen anatomische Gegebenheiten plastisch, in richtigem Verhältnis zueinander und am richtigen Ort. Der Künstler, der diese Modelle schuf, hat das ihm Wesentliche dargestellt und das ihm Unwichtige fortgelassen: So fehlt zB das die Organe umgebende Bindegewebe und auch die Venen sind nicht dargestellt. Die Modelle posieren im Geschmack der Zeit, sie scheinen zeitgenössischen Gemälden entnommen zu sein. Wir sehen keinen Abguß einer Leiche aus einem Präpariersaal, der uns vielleicht befremden würde. Wir sehen eine Nachschöpfung, ein "schönes" Modell.
 Zoller 2001 Anatomische Modelle sind Lehr- und Lernmodelle. Wer kennt sie nicht, die exzellenten Modelle des alten deutschen Hauses Markus Sommer, zB die unzerbrechlichen "SOMSO"-Skelette. Aber Modelle können auch Funktionen darstellen, können, obwohl anatomisch korrekt, doch ganz technisch wirken. Hier ein Bild aus dem ausgesprochen anregenden Buch vom Manfred Zoller, der einen Leitfaden für die Arbeit von und mit Studierenden der künstlerischen Berufe gibt. Der springende Frosch zeigt die Wirkung der Muskelketten der Beine. Das Modell lehrt, was wir wissen und mit Mühe der Natur an Erkenntnis abgerungen haben.

Reichert 2003 Also, recht betrachtet, kann wohl jedes "Ding" zum Modell für etwas werden: Eine Kaffeetasse kann das Modell der Netzhaut sein, ein Schwamm kann die Spongiosa vorstellen. Unsere Vorstellung schafft eigentlich erst die Modelle. Selbst der wirkliche, lebendige eigene Körper kann zum Modell werden, wie dieses Bild aus Reichert´s schöner "Anatomie in vivo" belegt.
Gute anatomische Modelle leiten unsere Vorstellungskraft. Gute Modelle veranschaulichen unser Wissen über die Anatomie. Gute anatomische Modelle nähern sich uns an, indem sie sich unserem Empfinden, unserem Geschmack annähern. Sie machen uns das Lernen leichter, weil sie das Wichtige hervorheben. Und gute anatomische Modelle zeigen die Gegebenheiten plastisch in den richtigen Proportionen und am richtigen Ort.
 
Habe ich etwas vergessen?

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"Was ist eigentlich ein gutes anatomisches Modell?"

home - http://www.everything-virtual.org/workshop_0405.html - - Letzte Änderung 03.10.2008
© Priv.Doz. Dr. med. FA (Anatomie) Thomas J. Strasmann - www.everything-virtual.org